Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht. Das erkenne ich vor allem an meinem letzten Blog-Beitrag, der schon eine Weile her ist. Wenn man sich nicht ab und an einmal aus dem Alltagsstress ausklinkt, um sich in Ruhe wieder Orientierung zu verschaffen, fällt einem auch nicht weiter auf, dass trotz der Dauerkrise die Zeit vergeht – der Weltuntergang aber immer noch nicht eingetreten ist. Wo stehen wir also eigentlich gerade in der Krisen-Großwetterlage?

Seit 2008 kommt die Finanzwelt nicht mehr aus dem Krisenmodus, und das europäische Währungssystem ist unter konstantem Dauerbeschuss. Seit 2011 hat sich mit Beginn des Arabischen Frühlings die Situation in Syrien dramatisch verschlechtert und einen Bürgerkrieg ausgelöst. Seit 2013 treibt der IS sein Unwesen und hält die Welt in Atem. Seit 2014 wurde die Flüchtlingskrise für Europa dramatisch und die sicherheitspolitische Lage in Europa ist seit dem Konflikt um die Ostukraine und die Krim so schlecht wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr.

Und jetzt auch noch der Brexit, der für viele völlig überraschend kam. Auch ich war mir eigentlich sicher, dass die zuvor gestiegenen Märkte bereits die Insiderinformationen und nicht veröffentlichten Vorabumfragen der Briten eingepreist hatten. Interessanterweise ist die direkte Demokratie und damit der unkontrollierbare und manchmal auch “bedingt rationale” Wählerwille tatsächlich noch immer eine Unsicherheit, die die meisten Ökonomen am liebsten zu verhindern versuchen. So haben es ja mächtigere Instanzen geschafft, dass Griechenland trotz Volksabstimmung noch immer in der EU und dem Euro ist.

Die Kurse an den Weltmärkten zeigen uns, dass der Großwetterlage seit 2007 kontinuierlich mit Kurszuwächsen begegnet wurde. Das liegt entweder an der zunehmenden Liquidität durch die Geldschwemme der Notenbanken und der damit verbundenen niedrigen Zinsen oder an der wahrgenommenen Zunahme an Unsicherheit im Hinblick auf alle anderen Anlagemöglichkeiten. Schließlich werde ich aber wohl nie verstehen, wieso einige Anleger ihre Aktien im Krisenfall aus Angst vor Verlusten verkaufen wollen. Gerade in Krisenzeiten, die unter anderem das Währungssystem zum Einsturz bringen können, ist doch der Besitz von Sachwerten die einzige Möglichkeit, seine Schäfchen in Sicherheit zu bringen.

Für mich ist der Brexit eine Möglichkeit, mich weiter mit Sicherheit einzudecken und Aktien nachzukaufen. Auch wenn es noch schlimmer kommen sollte, irgendwann muss man in den Markt einsteigen – und zwar am besten, so lange das Geld auf dem Konto noch etwas wert ist.

Als Politikwissenschaftler kann ich jetzt nur hoffen, dass die EU weiß, was sie tut und versucht, sich endlich zu reorganisieren. Eine stärkere ökonomische Verschmelzung der Euroländer ließe Wachstumschancen entstehen, die Wettbewerber auf dem Weltmarkt wie z.B. die USA, schon längst für sich genutzt haben. Für die EU wäre das ein weiterer Wachstumsboost, der damit auch für genügend einhergehende Prosperität sorgen könnte, um die Kassen der sozialen Versorgungssysteme wieder zu füllen und die Angst vor Verteilungskämpfen in der Bevölkerung zu mindern. Die Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft wäre ein wichtiges Symbol und entscheidender Wettbewerbsvorteil gegenüber kapitalistischen Gesellschaften, in welchen nur noch “Corporate Finance” die Regeln vorgeben.

euer Florian

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