Es ist die Gretchenfrage des Spekulanten und Investors: „Wie hältst du’s mit der Chartanalyse?“ Ich habe darüber Bücher gelesen, an Onlinekursen teilgenommen und mir Lernvideos reingezogen, bis ich dachte, ich hätte es begriffen. Dabei habe ich im Grunde nichts anderes erhalten als Kaffeesatzleserei und unseriöse Weissagungen.

Tatsächlich entstand dabei sogar einigermaßen häufig eine Prognose, bei der sich der Markt so zu entwickeln versprach wie von mir erhofft. Der traurige Grund dafür war aber weniger die Genauigkeit der Zukunftsprognose als vielmehr die selbsterfüllende Prophezeiung vieler Marktteilnehmer. Wenn schließlich die Mehrheit erwartet, dass der Kurs steigen wird, wenn er über die “magische” Grenze schreitet, und diese Mehrheit in der Folge genau diese Wertpapiere kauft, sobald der Kurs die Linie erreicht hat, steigt doch – wer hätte das gedacht – tatsächlich der Kurs! Dies ist allerdings kein Wunder, sondern nur das Ergebnis der Schafsherde, die für einen gewissen Zeitraum die Kurse beeinflussen kann.

Die selbsterfüllende Prophezeiung tritt ein, aber nur kurz

Dies geschieht im ultrakurzfristigen Minute- und Daytrading, kann sich aber auch noch über einen Zeitraum von mehreren Wochen bei einer bestimmten Marktphase halten. Dann regieren die “Trends”, die Stories der Medien und die programmierte Handelscomputer der institutionellen Anleger, die keine andere Chance haben als den Markt quantitativ zu “spielen”. So blähen sich Kurse auf oder es entstehen Untertreibungen – alles Symptome, die den Aktienkurs von seinem fundamentalen Kurs entfernen – doch eben nie auf lange Sicht.

Im Nachhinein stimmt jedes Horoskop

Langfristig werden alle Trends und Stories, die nicht dem fundamentalen Bild des Unternehmens entsprechen, Lügen gestraft. Spätestens wenn die Bilanz im nächsten Jahr das Gegenteil beweist, werden alle überrascht und der Kurs korrigiert sein. Allerdings haben die technischen Analysten dann schon wieder die nächste Prognose parat. Wie bei Horoskopen auch, haben im Nachhinein ohnehin immer alle die Zukunft gekannt, schließlich wurden beide Möglichkeiten vorrausgesagt… der steigende und der fallende Markt.

Fundamentale Stratgegien funktionieren heute noch genauso wie zu Zeiten Buffetts und Ben Graham. Die “technisch” hervorgerufene Marktirrationalität kann durch den gesunden Menschenverstand und das ruhige Nachdenken ausgenutzt werden. Während die Welt also immer schneller wird und man fürchtet, den Anschluss zu verlieren, ist das Gegenteil der Fall. Beständigkeit und kluge Überlegungen sind immernoch erfolgsversprechend.

Alles andere ist heiße Luft.

euer Florian