Auch ich habe das Spielen von Pokémon Go angefangen und den seit langem einzigen freien Samstag damit verbracht, meinen Handyakku zu entleeren und nach Taubsis und Rattfatzes zu jagen. Völlig verrückt und beeindruckend sind die Menschentrauben, die mal eben aus einer ruhigen Stadtecke einen Brennpunkt von Trainern machen. Unsere Handlungen spiegeln unsere wirtschaftliche Aktivität wieder – was sagt also der Pokémon-Hype über uns aus?

1. Menschen lieben Hypes und folgen gerne Trends

Blasen gibt es seit den Anfängen des Börsenhandels. Es sind überschwängliche Kursanstiege, die entstehen, weil alle denselben Gedanken haben. Zum Pokémon-Spielen wurden wir alle von den Medien, Facebookposts und Berichten über die Verrücktheit des neuen Spiels gebracht. Nur weil wir denken, dass es alle anderen machen, haben wir Angst, etwas zu verpassen. Ich sitze neben anderen Spielern, aber alle schütteln den Kopf, weil die Server wieder zusammengebrochen sind oder das Spiel hängt. „Nur weil es alle machen“ sagt also noch nichts über den Erfolg oder die Qualität der Sache aus!

2. Menschen lieben „Instant Gratification“ statt langfristige Gewinne

Der schnelle Sieg im Spiel und der schnelle Kursgewinn an der Börse sind nicht weit voneinander entfernt. Zunächst fängt es als Spiel an, und dann jagt man plötzlich von Punkt zu Punkt, um ein noch größeres Pokémon zu fangen oder noch ein Level aufzusteigen. Das Spiel hält dich dazu in Bewegung und am Weitermachen. Sowohl Spiel als auch Börse locken den Jagd- und Spieltrieb tief in unserem Inneren. Mal eben kurz das eigene Vermögen mit riesigen Renditen von 100% zu vermehren macht aus Investoren und Anlegern für die eigene Altersvorsorge Trader und Zocker, die statt Fonds oder Aktien lieber in CFDs, Zertifikate oder Binaries spielen.

3. Kein Ende in Sicht: Batterypack statt aufhören mit Spielen

Ich besitze nicht einmal eine Powerbank, sondern gehe nach Hause, wenn das Handy leer ist. Der geübte Pokémon-Spieler greift aber in die Hosentasche und „lädt nach“. Kennen wir vielleicht kein Ende oder wollen der Realität eines zu langen Spieletages nicht ins Auge sehen? Auch verlustreiche Wertpapiere oder Misserfolge in den Investments werfen wir oft noch mehr Geld hinterher in der blinden Hoffnung, alles wieder retten zu können oder so lange auszuharren, bis der Kurs wieder in normalen Höhen ist. Sollte sich aber aus dem Wertpapier ein Horrorwert entwickelt haben, dessen Fundamentaldaten der eigenen Strategie folgend keine Besserung mehr erwarten lassen, ist es klüger, der Realität ins Auge zu sehen und nach Hause zu gehen.

4. Das Reallife vergessen oder nachlässig behandeln

Haben Sie schon mal ihren Partner oder Freund links liegen gelassen? Meine Frau saß neben mir im Park und lief beim Spazieren gehen neben mir, als mir nichts anders in den Sinn kam als auf das Display zu spicken und Umwege einzuschlagen um noch mehr Pokéstops zu erwischen. Gamer vergessen im Spielerwahn ebenso sehr ihre Realität und die wichtigen Dinge im Leben wie Investoren, die es zu ernst nehmen und vom Tradingfloor nicht mehr loszukriegen sind. Statt genüsslich Mittag zu essen, wird plötzlich in Realtime der DAX verfolgt und in blindem Aktionismus noch mehr getan, weil wir irgendwie zu wissen glauben, dass Viel auch viel hilft. Anstatt aber nur an die nächste Häuserecke zu denken, sollten wir lieber einen Planungshorizont von Jahren und Jahrzehnten haben.

Also: Die eigenen Triebe lieber bei Pokémon ausleben, statt an der Börse!

euer Florian

Picture rattata by Flickr-User Robert Couse-Baker under CC-License.