“Sell in may and…”: 5 bekannte Börsenregeln im Rentablo-Check

Die vermutlich bekannteste Börsenregel ist derzeit wieder in aller Munde: “Sell in may and go away”. Klar, wir sind im Mai – und angesichts weltweiter Unsicherheitsfaktoren (Ukraine-Krieg, Inflation, Zinswende, Corona-Chaos in China) sind Ratschläge willkommen. Was ist dran an dieser und anderen Börsenregeln? Wir haben uns das angeschaut.

1. “Sell in may and go away”

Der Ursprung dieser Börsenregel dürfte in England liegen. Eingedeutscht wurde sie nie, was wohl daran liegt, dass der Reim auf Deutsch nicht so richtig gelingt. Vielleicht ginge noch: “Verkauf Aktien im Mai und genieß den Sommer sorgenfrei!” Schon im 18. Jahrhundert wurden in London Aktien gehandelt. Zu dieser Zeit war es noch so, dass sich wohlhabende Menschen in den Sommermonaten in die “Sommerfrische” für längere Zeit ans Meer oder auf den Landsitz zurückgezogen und sich mit den schönen Dingen des Lebens beschäftigten.

Der Aktienhandel interessierte dann kaum, erst ab September ging es wieder richtig los. Deshalb lautet der zweite Teil der Börsenregel: “But remember to come back in September“. In der Neuzeit mit weltweitem Handel rund um die Uhr über verschiedene Zeitzonen und Jahreszeiten hinweg haben diese Bräuche kaum noch Bedeutung. Beispiel DAX: Laut „Handelsblatt“ hat der deutsche Leitindex seit dem Start vor 33 Jahren zwar tatsächlich in 18 Jahren zwischen Mai und September nachgegeben – aber wiederum in 15 Jahren zugelegt. Eine Erfolgsformel lässt sich daraus also kaum ableiten. Wer z.B. im Corona-Jahr 2020 Anfang Mai verkauft hat, der hat die rasante Kurserholung im DAX ab Mitte Mai 2020 verpasst.

Mai 2020: Der DAX geht steil. Chart: Google Finance
Mai 2020: Der DAX geht steil (roter Pfeil). Chart: Google Finance

Rentablo meint: Die Regel stimmt nicht mehr.

2. „Kaufen, wenn die Kanonen donnern“

Diese Börsenregel wird dem Bankier Carl Mayer von Rothschild zugeschrieben (1788 – 1855). Er wollte damit zum antizyklische Investieren motivieren. Wenn alle im Verkaufsrausch sind, solle man einsteigen, wenn alle im Kaufrausch sind, solle man aussteigen. Denn der zweite Teil seiner Börsenregel lautete: Verkaufen, wenn die Violinen spielen.

Bezogen auf einzelne Aktien oder Marktsegmente ist da durchaus etwas dran. Es gibt immer wieder Situationen, in denen einzelne Werte und Segmente nach oben gehypt werden. Kritische Stimmen haben keine Chance. Ein Beispiel aus jüngster Zeit: Amazon. Als Folge von Corona wurde dem Unternehmen geradezu die Weltherrschaft im Online-Handel angedichtet, der Kurs stieg und stieg; nach schlechten Zahlen für 1. Quartal 2022 ging es rapide runter. Nun wird auf Amazon eingedroschen, als sei es ein schlecht geführter Bierkiosk in Berlin-Neukölln. Eine Gewinnmitnahme während der größten Amazon-Begeisterung wäre wohl nicht verkehrt gewesen.

Amazon: Erst Corona-Gewinner, nun Prügelknabe. Chart: Google Finance
Amazon: Erst Corona-Gewinner, nun Prügelknabe. Chart: Google Finance

Rentablo meint: Die Börsenregel stimmt oft.

3. „Politische Börsen haben kurze Beine“

Was politisch passiert, hat laut dieser Börsenregel auf die Entwicklung an den Börsen bestenfalls kurzfristig einen Einfluss. Sie wird dem Börsen-Lehrmeister André Kostolany (1906 – 1999) zugeschrieben. Als Beleg werden unter anderem die islamistischen Terroranschläge am 11. September 2001 in den USA genannt. Die Börsenindizes weltweit brachen ein, der DAX zum Beispiel um 8,5 Prozent. Nur acht Wochen später war er wieder auf sein vorheriges Niveau gestiegen.

Allerdings gibt es einige Gegenbeispiele: So führte die Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 zur politischen Entscheidung, dass Deutschland aus der Atomenergie aussteigt. Wer sich zum Beispiel die Aktie des Energieversorgers E.ON anschaut, wird kaum den langfristigen Einfluss dieser politischen Entscheidung verneinen können.

E.ON: Nach dem Atomausstieg-Beschluss nie wieder erholt. Chart: Google Finance
E.ON: Nach dem Atomausstieg-Beschluss nie wieder erholt. Chart: Google Finance

Ebenso ist die Notenbank-Politik den politischen Entscheidungen zuzuordnen, denn unabhängig von Regierungen sind die Notenbanken bestenfalls theoretisch. Die Niedrigzinspolitik der EZB zu Gunsten hochverschuldeter Staaten wie Frankreich, Italien und Spanien hat seit Jahren massiv Einfluss auf die Börsen, denn mangels Alternativen floss deswegen viel Geld in Immobilien und Aktien.

Rentablo meint: Diese Börsenregel stimmt nicht.

Statistik: Europäische Union: Staatsverschuldung in den Mitgliedstaaten im 4. Quartal 2021 in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) ¹ ² | Statista

Marktbeeinflussung durch EZB-Politik:  Von den größten Schuldenmachern der EU sind derzeit Italien, Spanien (Vizepräsident) und Frankreich (Präsidentin) im EZB-Direktorium vertreten (neben Deutschland, Irland und Niederlande). Für diese Länder wäre eine Zinserhöhung besonders nachteilig.

4. „Greife nie nach einem fallenden Messer“

Diese Börsenregel sagt, dass man eine Aktie nicht allein deswegen kaufen sollte, weil der Kurs gesunken ist und die Aktie gerade scheinbar günstig ist. Logisch: Ein Kauf lohnt nur, wenn der Wert nicht noch weiter fällt und die Chance besteht, dass er wieder steigt.

Das widerspricht eigentlich der Börsenregel, wonach man kaufen sollte, wenn die Kanonen donnern. Ja, was denn nun? Es kommt auf die Analyse und die persönliche Überzeugung an. Gegen den Trend zu investieren, wenn ein Wert in Ungnade gefallen ist, erfordert viel Mut. Vermutlich wird der Kursrutsch erstmal weitergehen, wenn es gerade in Mode ist, auf einen Wert einzuprügeln.

Irgendwann aber kommen wieder harte Fakten, etwa Quartals- oder Jahreszahlen. Wer recht hatte mit seiner Analyse, dass das Unternehmen das Zeug für Wachstum und Gewinne hat, wird sich über Kursgewinne freuen können. Vielleicht würde die Börsenregel besser so passen: Greife nur nach einem fallenden Messer, wenn es aus gutem Stahl ist und Du den Schmerz zwischenzeitlich ertragen kannst.

Rentablo meint: Diese Börsenregel stimmt teilweise.

5. Hin und Her macht Tasche leer

Diese Börsenregel wird mit verschiedenen Formulierungsformen von Investoren verwendet, die auf Geduld setzen, etwa Warren Buffet (1930 geboren), CEO von Berkshire Hathaway. Nach dem Kauf solle man einen Wert langfristig behalten, wenn man von ihm überzeugt ist. Wer ständig kauft und verkauft, zahle nicht nur viel Geld für Transaktionskosten; er würde auch die wirklich guten Momente für einen Verkauf meist verpassen.

Hinsichtlich der Transaktionskosten ist die Börsenregel nicht mehr unbedingt aktuell. Neue günstige Broker haben die finanziellen Hürden für Kauf und Verkauf von Wertpapieren deutlich gesenkt. Auch der Handel mit Fondsanteilen muss kein Geldgrab sein, wenn der Anleger über einen Fondsdiscounter wie Rentablo Fondsanteile ohne Ausgabeaufschlag kauft (und zudem noch eine Auszahlung laufender Gebühren erhält).

Allerdings kann hektisches Hin und Her tatsächlich einiges Geld durch Renditeeinbuße kosten, wie eine ältere Analyse der Fondsgesellschaft Fidelity verdeutlicht: Wer zwischen dem 31. Dezember 2007 und dem 31.Dezember 2017 voll im MSCI Europe Index investiert war, hat demnach eine Rendite von knapp 4 % p.a. erzielt. Wer zwischendurch ausgestiegen und die zehn besten Tage in diesem Zeitraum verpasst hat, kam auf ein Minus von 2,62 % p.a.

Rentablo meint: Diese Börsenregel stimmt teilweise.

Was sind Ihre Erfahrungen mit diesen oder anderen Börsenregeln? Teilen Sie Ihre Erfahrungen mit uns in den Kommentaren.

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